Esther A. Kestenbaum


Auch Engel müssen schlafen!

 

 

Es war einer dieser Abende, an denen man vom Geschäft spät nach Hause kommt, der Kopf dröhnt und das einzige, was man sich jetzt noch wünscht, ist Ruhe und Abspannen. Also kochte ich mir eine Tasse Tee und setze mich vor den Fernseher, um von einem Kanal in den anderen zu seppen.

„Wusstest du, dass es Mond- und Sonnenengel gibt?“

Ein schokoladenverschmiertes Gesicht lächelt mich an. Mein Sohn. Sollte er nicht längst im Bett liegen? Bevor ich entscheiden konnte, ob seine Frage wirklich ernst gemeint war, plapperte er neben mir weiter. Innerlich seufzte ich.

„Das ist ein wichtiger Unterschied, wenn man die Frage beantworten will, wann Engel schlafen gehen. Und Engel müssen schlafen gehen, sonst haben sie ja gar keine Möglichkeit zu träumen! - Weil ein Engel, der nicht träumt, verliert sein Engelslicht und ohne das können sie uns nicht beschützen!“

Ich schaute überrascht, denn die Frage, wann Engel schlafen gehen, hatte ich mir noch gar nicht gestellt. Schliefen sie überhaupt? Die Nachrichten hatten begonnen. Die Schokofinger zupften an meinem Hemdsärmel und forderten meine Aufmerksamkeit zurück. Wie immer würde ich den Anfang verpassen und blickte meinen Sohn mit gemischten Gefühlen an. Ich liebte ihn über alles, aber manchmal kostete es extrem viele Nerven, ihnen gedanklich zu folgen.

„Du weißt es nicht.“, seufzte er bedauernd. Fast klang es sogar etwas enttäuscht. Doch statt mich loszulassen, zerrte er weiter an meinem Ärmel. „Hör zu, ich erkläre dir das. Es ist ganz einfach und du musst das wissen.“

Widerwillig stellte ich den Ton des Fernsehers leiser und blickte ihn an.

„Ich brauche dir ja nicht zu erklären, dass Engel sehr wichtig für unser Leben sind. Jeder weiß, dass wir ohne ihren ständigen Schutz gar nicht überleben könnten. Aber Engel sind auch nur Menschen und folglich brauchen sie ihren Schlaf. Im Schlaf träumen sie und durch die Träume wird das Engelslicht gebildet, welches ihnen die Kraft gibt, uns vor allem Bösen zu bewahren.“ 

Er nickte bedächtig und schaute mich eindringlich an. Ich hatte das Gefühl etwas sagen zu müssen, aber was um Himmels Willen sollte ich diesem kleinen Jungen auf seine Geschichte antworten? Engel waren Wesen aus Kinderphantasien und diese waren nichts anderes als die Ursache für diese nette, wenn auch abstruse Geschichte.

„Also liegt es doch auf der Hand, warum es zwei Arten von Engeln geben muss oder?“, hakte er nach.

„Sicher.“, sagte ich und wusste sofort, dass er meine Unwissenheit durchschaut hatte. Genervt rollte er die Augen. Wie konnte ich auch nur so begriffsstutzig sein! Er faltete die Hände, holte tief Luft und fuhr in seinen Ausführungen fort. „Wie ich dir schon sagte, auch Engel müssen schlafen. Aber wenn sie schlafen, haben sie keine Möglichkeit uns zu beschützen. Dies wäre natürlich viel zu gefährlich für uns. Also haben sie sich spezialisiert. Die einen sind Mondengel und die andern Sonnenengel. Die Mondengel bewachen uns während der Nacht und schlafen am Tag und die Sonnenengel machen das genau umgekehrt. Nur so funktioniert das!“

Nur so funktionierte das. -- Er lächelte mich an und für einen Moment hatte ich tatsächlich das Gefühl, ich blicke in das Gesicht eines kleinen Engels. Seine Mutter rief und er ließ mich los. Nachdenklich schaute ich ihm nach, als er mit einem „Gute Nacht“ aus dem Zimmer verschwand.

Auch Engel sind Menschen, hatte er gesagt. Der Gedanke hatte etwas Beruhigendes an sich. Ich lächelte und genoss das Gefühl. Der Fernseher interessierte mich nicht mehr.

 

Neue Fassung vom 1. Dezember 2006

 

Ein herzliches Dankeschön an onlinekunst.de für die Veröffentlichung zum vierten Advent im Adventskalender 2002. Das dazugehörige Engelsbild "Die Erscheinung des Engels", Meister der Ursulalegende, passt wirklich wunderbar zur Geschichte!

 

Zurück Nach oben


Übersicht Informationen Danksagung Inhalt
Stand: 17. February 2006 © 2002 Kestenbaum