Esther A. Kestenbaum


Mein Tag

 

Ich winkte den anderen Mädchen zu, als der Bus sie wie jeden zweiten Samstag nach London zum Einkaufsbummel fuhr. Zum hundertsten Mal hatten sie mich gefragt, ob ich wirklich den ganzen Tag alleine verbringen mochte und mindestens genauso häufig hatte ich ihnen geantwortet, dass ich schon zurecht käme und sie getrost ohne mich fahren sollten.

Nun stand ich da in der kühlen Morgenfrische und blickte auf die denkmalgeschützte, viktorianische Villa, in der wir alle unser Zuhause hatten. Langsam schlüpfte ich durch die Hintertür ins Treppenhaus, denn die offiziellen Eingänge der Schule waren am Wochenende ebenfalls abgeschlossen und betrat mein Zimmer. Die Heizung hatte man aus Kostengründen für diesen Tag abgeschaltet und ich spürte wie die nächtliche Wärme langsam durch unzähligen Fenster und Türritzen des alten Hauses entwich. Es war ganz still im Haus und diese Stille breitete sich langsam in mir aus. Sie fühlte sich angenehm an und ich merkte, wie die Anspannung, das erste mal seit Monaten für mich alleine zu sein, plötzlich von mir wich. Stille und Ruhe waren zwei Begriffe, die es in diesem Haus nicht gab. In einer Mädchenschule war immer etwas los und in unserem Vierbettzimmer sowieso. Ich streckte mich und schüttelte auch das letzte Unwohlsein ab. Das war mein Tag und ich würde ihn nutzen. Ich für mich ganz allein. Hier konnte ich nicht bleiben, in wenigen Stunden würde das Haus unerträglich kalt sein. Ich zog also meinen Mantel an, band meinen Wollschal um den Hals und setzte die passende Mütze auf. Dann suchte ich nach meiner Tasche, ohne Geld und Papiere sollte ich nicht aus dem Haus gehen. Zuversichtlich betrat ich die alte englische Straße. Der Weg in die Stadt würde eine gute halbe Stunde Fußmarsch bedeuten. Ich schmunzelte, zuhause wäre ich nicht auf die Idee gekommen, zu Fuß in die nächste Ortschaft zu laufen. Die Sonnenstrahlen brachen durch das letzte Laub an den Bäumen und kitzelten frech auf meinem Gesicht. Ich schloss die Augen und schöpfte Energie aus ihrer wohltuenden Wärme. Ich war überrascht, wie schnell ich im Stadtzentrum war. Zentrum war übertrieben: Farnham war ein kleiner gemütlicher Ort mit einem Hotel, einer Einkaufstraße, zwei Pubs und einem gemütlichen Cafe. Und genau letzteres steuerte ich an. Ich suchte mir einen Platz in der Ecke, von wo ich alles am besten überblicken konnte und bestellte mir eine Tasse Earl Grey. Dieses Cafe war außergewöhnlich und ich liebte es über alles. Ursprünglich war das alte kleine Fachwerkhaus eine Bibliothek gewesen, dessen obere Stockwerke nun als Museum noch zu besuchen waren, das untere Stockwerk hatte man mit alten Sesseln und Sofas ausgestattet und als Cafe umgebaut. Ich holte mein Tagebuch heraus und begann die letzen Ereignisse nachzutragen. Die Zeit verging, ohne dass ich merkte, wie wohin sie verflog. Irgendwann hatte ich aufgehört zu schreiben, meine Tasse Tee ausgetrunken und die meiste Zeit damit verbracht, mich selbst und die Menschen in diesem Cafe zu beobachten. Es war ein wunderbares Gefühl einfach in einer Ecke zu sitzen und mit der Umgebung zu verschmelzen als sei man gar nicht wirklich da. Aus dieser Perspektive konnte man alles andere viel deutlicher wahrnehmen: das helle Läuten der kleinen Glocke, wenn die Tür geöffnet wurde, die normalen Gespräche der Gäste am Nachbartisch und Außengeräusche der Straße, die unwirklich und weit entfernt erschienen. Auch die eigene Person wurde anders wahrgenommen. Ich fühlte diese innere Ausgeglichenheit meiner Seele. Alle Sorgen des Alltags erschienen unbedeutend. Die Realität distanzierte sich von mir und spielte sich vor mir ab, als sei sie ein Film, bei dem ich die Sicht des Zuschauers übernommen hatte: Zuschauer in einem Film über einen Tag in meinem Leben. Die Gäste kamen und gingen, aber ich saß weiterhin in der Ecke und schaute zu.

An diesem Tag war ich einfach nur „Ich“ und als ich am späten Nachmittag langsam den Weg zurück zur Schule ging, lief dort einfach nur eine junge Frau, mit einem dicken Schal und einer Wollmütze auf dem Kopf, die niemanden an diesem Tag aufgefallen war, die nichts besonderes unternommen und dennoch das größte Glück gefunden hatte.

 

13. Oktober 2002

 

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Stand: 17. February 2006 © 2002 Kestenbaum