Esther A. Kestenbaum


Das Feuerwerk

 

Sie stand vor dem Spiegel und legte ihre Ohrringe an als es an der Haustür klingelte.

Sie hatte gehört, wie ihr Vater die Tür öffnete. Noch bevor er sie hereinlassen konnte, war sie die Treppe heruntergestürmt, hatte ihm einen Kuss auf die Wange gedrückt und ihre Leute begrüßt. "Fahrt langsam und komm nicht so spät nach Hause.", hatte er ihr hinterhergerufen und ohne dass sie zurückblickten musste, hatte sie sein besorgtes Gesicht vor ihren Augen gesehen. "Eltern.", hatte sie sich bei den anderen verlegen entschuldigt und die Augen genervt zum Himmel gerollt. Es war Samstag abends gewesen und ihre Clique und sie hatten vor, ins "Centro" zu fahren. Zuerst war Kino angesagt, danach eine kleine Kneipentour und zuletzt noch einen Abstecher in ihre Stammdisco - das volle Programm. Sie alle waren guter Stimmung gewesen, bis auf Peter natürlich, der musste am diesem Abend fahren.
Der Kinofilm war in dieser Woche neu angelaufen und sie hatten sich seit Monaten darauf gefreut. Ein richtiger Actionthriller mit coolen Computeranimationen. Sie hatten Popcorn gegessen und damit ein paar Freunde aus der Nachbarschule beworfen. Die Kneipentour war wie immer verlaufen: Mark hatte ein paar Bier zu viel getrunken. Seine Eltern hätten ihm so oder so am nächsten Tag Vorhaltungen gemacht. Tina hatte Koffeintabletten von ihrem Bruder mitgebracht. Der war damals noch Student. Sie hatten sich groß, frei und erwachsen gefühlt. Die gutgemeinten Ratschläge ihrer Eltern waren vergessen. Es waren sowieso Regeln aus einer vergangenen Generation, mit denen die damalige Jungend überhaupt nichts anfangen konnte. So dachten sie. Es war kurz vor Mitternacht als sie gerade auf dem Weg zum "N8-Club" waren. Sie waren die Promenade entlanggeschlendert, als eine Frau sie anhielt.

"Entschuldigen Sie, wo wird denn das Feuerwerk gestartet?", hatte die Frau gefragt. Sie hatte eine altmodische Sonnenbrille auf und eine merkwürdig lächelnde Frau stand neben ihr. Sie konnte es nicht leiden, wenn sie wildfremde Leute einfach festhielten, um sie anzusprechen. Abgesehen davon hatte sie sich gefragt, wer damals noch Interesse hatte, sich ein Feuerwerk anzuschauen. An Silvester war das ja ganz schön: man traf sich immer auf dem Marktplatz mit all den anderen. Eigentlich ging es dann meistens mehr ums Betrinken als um das Genießen der bunten Farben am Himmel. Feuerwerke waren an sich fürchterlich langweilig gewesen. Die anderen hatten bereits einige Meter weiter vorne ungeduldig auf sie gewartet. Ohne weiter nachzudenken, hatte sie der Frau und ihrer Begleiterin den Weg erklärt und war erleichtert gewesen, als sie losgelassen wurde.

"Danke", hatte die Frau mit der Brille freundlich gesagt und sie angestrahlt, als hätte sie ihr die schönste Botschaft ihres Lebens gesagt. "Einen schönen Abend noch."

Die Frauen waren weitergegangen. Dass die nachts überhaupt etwas durch die dunkle Sonnebrille sehen kann, hatte sie sich gefragt und den Kopf geschüttelt. Manche Menschen waren wirklich merkwürdig. Neugierig hatte sie sich noch einmal zu den beiden umgedreht:
Arm in Arm waren sie langsam neben einander her gelaufen und das Klackern des weißen Stabes drang plötzlich überdeutlich an ihr Ohr. Kurz darauf waren die beiden in der flanierenden Menschenmenge verschwunden. Wie gelähmt hatte sie versucht, zu begreifen.

"Wer war das?", hatte Peter gefragt.

"Ach nur eine Blinde, die sich das Feuerwerk anschauen möchte.", hatte sie abwesend geantwortet und sich bei ihm eingehakt.

Unsanft wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Sie hörte ihren Mann, wie er die Gäste begrüßte. Die Kinder freuten sich über die mitgebrachten Feuerwerkskörper. Sie legte die Mäntel für später zurecht und knipste dann das Licht aus. Erwartungsvoll blickte sie dem Abend entgegen und empfing ihre Gäste.

 

07. September 2002

 

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Stand: 17. February 2006 © 2002 Kestenbaum