Esther A. Kestenbaum


Das Interview

 

Sie sind mir gleich aufgefallen: der ältere Herr mit dem grauen, schütteren Haar und seine Frau, die er an diesem sonnigen Herbsttag durch unseren Stadtpark spazieren führt. Ich habe zuvor schon mit einigen Pärchen an diesem späten Nachmittag gesprochen und genügend Material für meinen Artikel in der Schulzeitschrift gesammelt. Doch ein kurzer Augenkontakt zwischen ihnen und mir genügt und ich befinde mich bereits mitten in meinem Thema.


Sie lacht. „Wie haben wir uns kennen gelernt?“, wiederholt sie meine Frage indirekt und blinzelt mit ihren graugrünen Augen zu ihm hoch. „Wie alt sie wohl sein mag?“, frage ich mich insgeheim. Sie wirkt so jung, trotz der vielen Falten in ihrem Gesicht. „Vielleicht liegt es an ihrem klaren Blick oder an dem vollen, dichten Haar…“, schlussfolgere ich in Gedanken. 
„Ich habe dich „angegraben“ mit allen Mitteln.“, antwortet er und ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich diesen jugendlichen Jargon aus dem Mund dieses seriös wirkenden Mannes gehört habe. Dann streicht er sanft über den Arm seiner Frau.
„Hast du…. Deine Schleimspur war fast unerträglich.“, entgegnet sie trocken und ebenso ungezwungen, während ich bezweifele, ob die beiden wirklich noch wissen, dass ich da bin. Mit gespielter Entrüstung schiebt sie seine Hand von ihrem Arm und blickt entschuldigend zu mir herüber.
„Ach was!“, schmunzelt er und beugt sich leicht zu ihr herunter. „Du warst nur kratzbürstig an diesem Abend.“ Dann richtet er sich an mich. „Nicht einmal ihre Adresse wollte sie herausrücken, wissen sie.“ Und ich habe plötzlich das Gefühl, dass er nun meine Unterstützung in dieser Diskussion haben möchte, aber ich schweige und schaue ihn irritiert an. 
„Hat dich aber trotzdem nicht abgehalten.“, mault sie leise.
„Nein, die Postkarte kam trotzdem an, auch ohne deine Hilfe.“
„Und eine Woche später hat er mich sogar angerufen!“, erklärt sie mit festerer Stimme und ich sehe erneut dieses jugendliche Glitzern in ihren Augen als sie zu mir aufschaut.
„Ja, deine Eltern waren nicht zuhause…“
„Ich habe auf meinen Bruder gewartet.“, entgegnet sie.
„… das hat sechs Stunden gedauert.“, stellt er amüsiert fest. 
„Die Gespräche danach waren auch nicht kürzer.“, seufzt sie mit leichter Resignation.
„Einmal hast du im Schuhschrank telefoniert.“, kommentiert er das Thema weiter.
„Im Keller.“ 
“Im Schuhschrank. Ich weiß das noch ganz genau.“
„Nein, im Keller. Wir hatten gar keinen Schuhschrank.“
„Na gut, aber da habe ich dir auch den Antrag gemacht.“
„Im Schuhschrank?“, frage ich jetzt wirklich erstaunt nach.
„Ja.“
„Nein, im Keller. Wir hatten doch keinen Schuhschrank. Das sagte ich doch schon. Er hat mir einen Antrag am Telefon gemacht, als ich im Keller mit ihm telefoniert habe. So war das.“, erklärt sie dann ausführlicher und ich nicke, aber so richtig verstanden habe ich es trotzdem nicht. „Klingt nicht wirklich romantisch“, denke ich mir und lächele als er sich ebenfalls versucht, zu erklären.
„Was hätte ich tun sollen, sie wohnte doch so weit weg!?“
„Na ja, es war mehr so eine „Was wäre, wenn – Geschichte“, nicht wirklich ein Antrag.“, räumt sie nun auch amüsiert ein.
„Und was haben sie ihm geantwortet?“, frage ich sichtlich neugierig geworden nach.
„Nichts. Ich habe überlegt.“, und in ihrem Gesicht liegt abermals dieses freche Schmunzeln. „Und dann habe ich ihm gesagt, er solle mich in sechs Jahren noch einmal fragen.“
Ich blicke fragend zu ihm herüber.
„Dann hat sie den richtigen Antrag bekommen.“, bestätigt er indirekt.
„Mit Blumen und Ring, sie wissen schon.“, lächelt sie.
„Sie haben tatsächlich diese ganzen sechs Jahre auf sie gewartet?“. Ich kann es nicht fassen. „Das ist eine sehr lange Zeit für junge Menschen.“, stelle ich fast ungläubig fest.
„Nein“, lacht er. „Geangelt habe ich sie mir drei Tage später.“
„Einbisschen länger hat es schon noch gedauert, mein Lieber.“, korrigiert sie.
„Ach, was ist schon Zeit…“, seine Stimme klingt plötzlich müde und wieder tätschelt er ihre Schulter. Jetzt legt sie ihre Hand auf seine und beide lächeln mich an mit ihren von kleinen Runzeln umgebenen Augen. Dann setzen sie ihren Weg fort, als hätten sie mich gar nicht getroffen.
Und ich bin mir auch gar nicht so sicher, ob sie es noch wissen, so der Wirklichkeit entrückt erscheinen mir die beiden in diesem Moment.

Jetzt habe ich vergessen, den Rekorder anzustellen.“, stelle ich in Gedanken etwas enttäuscht fest. „Vermutlich würde mir die Geschichte sowieso niemand glauben.“ Und als ich noch einmal ihnen nachblicken will, sind sie schon längst aus meinem Blickfeld verschwunden.

18. August 2004

 

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Stand: 17. February 2006 © 2002 Kestenbaum